von Dr. Peter Volkmann
Unsere Praxis ist erstaunlich alt. Sie wurde bereits vor dem ersten Weltkrieg, im Jahre 1912 gegründet und gehört damit zu den ältesten in Berlin!!
Ihr Gründer war Dr. Mück. Er muß ein freundlicher und allseits beliebter Arzt gewesen sein. Einige meiner Patienten kennen ihn noch aus seinen letzten Lebensjahren. Als er 1949 verstarb, hatte er die Praxis über 37 Jahre durch 2 Weltkriege und 5 Staatsformen geführt.
Im selben Jahr wurde die Praxis dann von dem damals noch blutjungen Dr. Rudolf Pötter übernommen, der froh war, endlich eine bezahlte Arbeit zu finden, mit der er seine Familie durchbringen konnte.
Die Praxis befand sich zu jener Zeit noch in der Fechnerstraße. Sie bestand anfangs aus zwei Zimmern, in denen auf wunderbare Weise neben Warteraum und Sprechzimmer auch noch die Familie Pötter mit 2 Töchtern untergebracht war. Die Liege, auf der tagsüber die Patienten untersucht wurden, diente nachts als Schlaflager.
Medikamente gab es damals kaum, und die heute häufig problematisierten Antibiotika waren in dieser harten Nachkriegszeit noch hypermoderne und exotische Wundermittel, die sich oft genug weder für Geld noch für gute Worte beschaffen ließen. Das Penicillin – das erste Antibiotikum – war zu jener Zeit so kostbar, daß es von der Firma Schering aus dem Urin der behandelten Patienten destilliert und zurückgewonnen wurde!
In diesen Jahren nach 1945 spielten schwere Infektionen eine große Rolle. Viele der durch Hunger und Kriegseinwirkungen geschwächten Patienten verstarben, ohne medizinische Hilfe zu erlangen.
Damals entschied der Besitz von Antibiotika oft über Leben und Tod.
Wie auch sein Vorgänger hat Dr. Pötter die Praxis ungewöhnlich lange geführt. Nach aufopferungsvollen und engagierten 38 Jahren hat er sie schließlich im Jahre 1987 an mich übergeben.
Aus seinem langen Arbeitsleben hat mir Dr. Pötter viele Anekdoten berichtet. Die folgende illustriert eindrucksvoll die Zustände der Nachkriegszeit: In den ersten Jahren wurde er bei seinen Notdiensten von Herrn Meise gefahren, einem Fuhrunternehmer (offizieller Titel: „Herrenfahrer“), dessen Wagen noch aus der Vorkriegszeit stammte. Es war ein bejahrter DKW, der heute natürlich keinerlei Chancen hätte, durch den TÜV zu kommen. Der Boden war mit Holzbohlen ausgelegt, durch deren Lücken der Fahrtwind pfiff. Die Elektrik war so desolat, daß die Lichter immer ausgingen, wenn das Fahrzeug sich in eine Kurve legte.
Immerhin besaß dieser Veteran etwas, wofür wir ihn heute heiß beneiden: er hatte die ganze Straße für sich! Parkplatzsorgen gab es damals nicht.
Dr. Pötter hat sich dann Anfang der 50-er Jahre selbst ein Automobil gekauft. Es war ein VW-Käfer mit stolzen 23 PS, damals der letzte Schrei. Mit diesem Wagen wurde er zum zweiten Autobesitzer in der ganzen Gieselerstraße!
Im Gegensatz zu Dr. Mück hatte Dr. Pötter das Glück, seine Praxis in der Periode eines unerwarteten, steilen und langen Aufschwungs führen zu dürfen, einer Zeit sowohl wirtschaftlicher als auch politischer Stabilität. Es waren die berühmten Wirtschaftswunderzeiten.
In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg veränderte die Praxis mehrmals ihren Standort, verließ aber niemals den Kiez zwischen Hohenzollerndamm, Güntzelstraße und Brandenburgischer Straße. Noch 1987 zogen wir von der Nummer 22 in die jetzige Praxiswohnung um.
Kaum eingerichtet, gab es einen Kabelbrand. Ein Kühlschrank hatte sich entzündet und die gesamte Praxis bis in den letzten Winkel mit feinen Rußpartikeln verseucht. Es war ein Riesenschaden. Während die Mauer fiel, mußten wir uns mit dem Wiederaufbau der Räumlichkeiten beschäftigen. Wochenlang betrieben wir die Praxis erst in einem Campingwagen, dann in einer gemieteten Hinterhauswohnung. Weihnachten 1989 verbrachte ich mit dem Säubern der letzten rußgeschwärzten Gläser.
Auch in den Jahren, in denen ich die Praxis führe, hat sich vieles verändert:
Während wir anfangs nur mit Karten und Krankenscheinen arbeiteten, haben sich inzwischen längst Computer und Chipkarte durchgesetzt.
Zum Erstaunen der Fachwelt und zum Entsetzen der Betroffenen sind völlig neue Krankheiten, wie z.B. AIDS aufgetreten, von deren Existenz in meiner Studienzeit niemand etwas geahnt hat. Andere damalige Randerscheinungen wie die Alzheimersche Erkrankung wandelten sich zu Problemen mit erheblicher demographischer Bedeutung. Alte, längst besiegt geglaubte Seuchen wie die Tuberkulose erlangten plötzlich wieder größere Bedeutung. Die Globalisierung führt dazu, daß wir uns heute mit Krankheiten aus fernen Regionen, wie der Malaria oder dem Dengue-Fieber beschäftigen müssen.
In neuester Zeit stehen die Antibiotika wieder im Focus der Betrachtungen: immer häufiger treten Problemkeime auf, die gegen fast alle Antibiotika resistent sind.
Andererseits haben andere Infektionskrankheiten durch moderne Behandlungstechniken ihren Schrecken verloren, z.B. Scharlach und Lungenentzündung. Auch bei kardiologischen Krankheiten gibt es inzwischen sehr positive neue Behandlungsansätze.
Die Pharmakologie und die Operationstechniken haben sich in den letzten Jahrzehnten revolutioniert.
Auch im Krankenhausbereich hat sich vieles verändert: einige Häuser, in denen ich noch als Assistent gearbeitet habe, sind in den letzten Jahren geschlossen worden.
Wir leben in einer Welt einer oft weltfremden Regulierungswut. Dadurch ist Vieles unnötig kompliziert worden: die allumfassende, die Grenzen der Lächerlichkeit oft überschreitende Bürokratisierung und die Überregulation der sozialen Systeme hat auch vor der Medizin nicht halt gemacht. Das macht es nicht immer leicht, sich den eigentlichen ärztlichen Aufgaben zu widmen.
Bei all den äußeren Veränderungen versuchen wir aber das zu bleiben, was wir immer waren. Eine kiez- und familienorientierte Praxis, die für Sie da ist.
Nachdem ich diese Praxis 22 Jahre in alleiniger Verantwortung geführt habe, gibt es seit 01. Oktober 2009 eine wichtige Änderung. Zu diesem Zeitpunkt ist mit Frau Cornelia Bernstein, eine sehr erfahrene Ärztin in die Praxis eingetreten. Wir bilden zusammen eine Gemeinschaftspraxis. Das bedeutet nicht, daß ich vorhabe, demnächst auszuscheiden. Im Gegenteil! Ich möchte noch viele Jahre für Sie tätig sein.
Bewegung tut not, damit die Gesellschaft nicht erstarrt. Ich habe als Arzt allerdings den Eindruck, daß sich das Tempo der gesellschaftlichen, politischen, technischen und sozialen Veränderungen in einem Maße beschleunigt hat, daß immer weniger Menschen damit zurechtkommen. Denn zu häufige und zu schnelle Änderungen führen bei vielen Patienten zu Unbehagen, Unsicherheiten und Ängsten.
Wir werden uns daher auch in Zukunft bemühen, inmitten rasanten Wandels weiterhin dauerhaft für Sie da zu sein, Ihnen immer eine feste Anlaufstelle zu bieten.
Trotz aller bürokratischen Gängelungen macht uns diese Arbeit weiterhin viel Freude. Selten kann man in einem anderen Beruf Menschen so helfen. Hierdurch wachsen einem immer wieder neue Kräfte zu.
Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden müßte, würde ich wieder Arzt werden. Diese Freude und Gewißheit hat sich auch meinem Sohn Maximilian mitgeteilt. So hatte er sich schon vor seinem Abitur fest entschlossen Medizin zu studieren. Inzwischen studiert er in Würzburg und wird in ein paar Jahren ebenfalls Arzt sein.

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